Die Geschichte vom König Wunderbar

Wie alles begann

Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, wann mir König Wunderbar zum ersten Mal begegnet ist. Ich meine, es war bei einer meiner Wanderungen. Ich bin gerne in der Natur und kenne fast alle Wege hier in der Region. An diesem Tag war ich wieder auf einem meiner Lieblingswege unterwegs. Mir war eine Abzweigung aufgefallen, die ich bisher noch nicht gesehen hatte. Neugierig bog ich von der üblichen Wegstrecke ab.

Plötzlich, nachdem der Weg eine Biegung gemacht hatte, stand er vor mir. Zunächst erschrak ich und traute meinen Augen nicht. Wie kann es sein, dass mir hier, mitten im Wald auf einmal eine Gestalt gegenüberstand, die mich sofort an einen König erinnerte. Mein Schrecken verwandelte sich jedoch sofort in ein Schmunzeln, als ich ihn ansah. Seine Augen funkelten wie die eines Kindes, er lachte, tanzte ein wenig hin und her und schien sich über unsere Begegnung zu freuen. Zudem murmelte er etwas in seinen langen Bart, was ich zunächst nicht verstand. „Wunderbar,“ schallte es mir entgegen. Mal leise, dann wieder laut. Mal ganz lang gezogen wie wuuuuunderbaaaar. Einige Male auch krächzend, wie die Krähen, die auf dem gegenüberliegendem Feld saßen. Er konnte es auch glucksen und dabei eigenartige Grimassen ziehen. Dabei schwang seine goldene Krone im Takt seiner Bewegungen mit. So sprang er vor mir auf und ab, schaute mich verwegen an, bis er auf einmal mit einem lächelnden Blick vor mir stand.

Wie der König seinen Namen erhielt

Diese Unterbrechung seines außergewöhnlichen Auftritts nutzte ich und fragte ihn: „Wer bist du? Ich habe dich noch nie hier gesehen.“ Ich hatte damit gerechnet, eine klare Antwort zu bekommen. Von wegen – der ungewöhnliche König begann direkt wieder sein „Wunderbar“ in vielfältigster Weise zu verkünden. Ich war erstaunt – er schien selbst von seiner Kreativität begeistert zu sein. Seinen wahren Name habe ich bis heute nicht erfahren. Da er auf mein Nachfragen immer wieder mit „wunderbar“ antwortete, nannte ich ihn einfach König Wunderbar.

Nach unserem ersten gegenseitigen Erstaunen über unsere Begegnung erzählte mir König Wunderbar seine Geschichte. Er lebte irgendwo am Waldrand in einem alten Schloss. Wie er dort hingekommen war, wusste er selbst nicht mehr. Es schien schon recht alt zu sein und war unbewohnt. Er hatte sich dort einquartiert und war glücklich, einen passenden Ort für sich gefunden zu haben. „Ein König gehört in ein Schloss“, wiederholte er einige Male und sah dabei sehr ernst aus. Ein alter Kater leistete im gelegentlich Gesellschaft. Sonst lebte er dort allein und schien darüber sehr zufrieden zu sein.

Der König zitiert eine Weisheit

Stolz erzählte er von der umfangreichen Bibliothek, die sich in dem Schloss befand. „Gestern Abend habe ich das 173. Buch dort zu Ende gelesen und heute Abend fange ich mit dem 174. an,“ erklärte er mir mit geschwellter Brust. Interessiert fragte ich ihn nach dem Titel des Buches, welches er gelesen habe. „Es handelt vom Sinn und von der Freude am Leben“, antwortete er und zitierte direkt daraus:

„Lieber draußen seinen Platz suchen, als in der warmen Stube auf die Wanderkarte schauen.“

Ich war sprachlos. Da gehe ich wandern, mir begegnet ein außergewöhnlicher König und der verkündet mir spontan eine Weisheit, der ich mich nicht entziehen konnte. Dachte ich doch selbst gerade über meine vielen Pläne nach und der Frage, welche davon wirklich wichtig sind und umgesetzt werden sollten.

Der König hat es eilig

Jetzt wollte ich natürlich mehr von ihm wissen. Doch er war sehr verschwiegen. Entgegen meiner Hoffnung lud er mich nicht in sein Schloss ein. „Wir können uns hier gelegentlich treffen, wenn du magst,“ erwähnte er noch, bevor er sich wieder verabschiedete. Ich erfuhr noch, dass er ein heißes Bad nehmen wollte und der Nachmittagskaffee schon auf ihn wartete. Außerdem wollte er unbedingt mit dem 174. Buch anfangen. Er wurde immer aufgeregter und ich spürte, dass uns nicht mehr viel Zeit blieb. „Wie heißt denn dein nächstes Buch“, wollte ich noch von ihm wissen. Er hatte sich jedoch schon von mir abgewendet. Dann murmelte er noch etwas Unverständliches in seinen langen weißen Bart und war schon wieder verschwunden.

Meine Begegnungen mit König Wunderbar

Seitdem habe ich König Wunderbar immer mal wieder getroffen. Jedes Mal hat er mich mit seinen Weisheiten aus seinen Büchern überrascht. Einige davon haben mich berührt, einige habe ich nicht verstanden und es gab auch welche, dir mir gleichgültig waren. Wir haben lange Gespräche geführt. Meist hatte er aber wenig Zeit und verschwand genauso plötzlich, wie er gekommen war. Die Begegnungen mit ihm empfand ich jedoch immer als sehr wohltuend. Sie haben mir geholfen, mit Abstand, Leichtigkeit und Gelassenheit auf mein Leben zu schauen. Viele seiner Weisheiten und Gedanken habe ich aufgeschrieben und gebe sie heute gerne an andere weiter.